Über die Notwendigkeit von Disziplin in den magischen Künsten

Das Ziel der magischen Arbeit ist die Entfaltung eines höheren Bewusstseins, welches stufenweise zu einer immer deutlicher werdenden Realisation einer transzendentalen Einheit führt. Je weiter der Student auf dem initiatorischen Pfad entlangschreitet, umso mehr wird sich individuell ausgeprägtes höheres Bewusstsein entwickeln und damit auch das Verständnis um die formbildenden und schöpferischen Kräfte und Gesetze des Universums.

Mit zunehmendem Bewusstsein und Verständnis wird der Student irgendwann auch immer besser fähig sein, dieses Wissen auf konkrete Alltagsziele hin anzuwenden.

Doch um dies zu entwickeln, bedarf es täglicher praktischer Übung, denn die magischen Kräfte können nur gedeihen, wenn man die Werkzeuge seines Geistes regelmäßig benutzt.

Die Tradition sagt, dass Talent und Begeisterung allein nicht ausreicht. Vielmehr ist es die Beharrlichkeit und das Durchhaltevermögen, die die Möglichkeit einer spirituellen Entwicklung gewähren.

Genauso, wie sich physische Muskeln erst durch regelmäßige und ausdauernde Übung entwickeln, entwickeln sich geistige Fähigkeiten wie Visualisationskraft, Konzentration und gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit feinstofflicher Energien nur langsam und unter der Voraussetzung täglichen Trainings.

Schon von Beginn der magischen Ausbildung an erlernt der Student der okkulten Wissenschaft den Umgang mit einer Kraft, die in der rosenkreuzerischen Tradition LVX, ausgesprochen wie das lateinische „Lux“, benannt wird.
Diese Kraft ist okkult in dem Sinne, in dem sie von der Wissenschaft noch nicht entdeckt und gemessen wurde, doch tatsächlich „vor aller Augen verborgen“ liegt, insofern das gesamte phänomenale Universum ein Aspekt ihrer Manifestation ist.

Die alten Kabbalisten vertraten die Ansicht, dass die Wahrnehmungs- und Verstandesfähigkeit des Menschen begrenzt sei, und somit auch die Fähigkeit des Begreifens des göttlichen Ursprungs unseres Universums. Sie räumten aber die Möglichkeit ein, dass sich der Mensch anhand mehr oder weniger abstrakter Symbole dieser Wahrheit immer mehr annähern könne. Ein perfektes Denkmodell hierfür liefert die kabbalistische Glyphe des Baumes des Lebens.

Sie veranschaulicht deutlich, dass das Universum aus Emanationen einer ursprünglichen, göttlichen Kraft besteht, die sich stufenweise und über wechselseitige Polarisationen immer mehr ausdifferenzierte und verdichtete, bis sie schliesslich zu dem wurde, was wir als unsere physische Realität verstehen. Somit betrachteten die Kabbalisten die Objekte in unserem materiellen Universum nur als verdichtete Energie.
Hunderte von Jahren später anerkannte auch die moderne Wissenschaft, dass Materie nur Energie in einem bestimmten Schwingungszustand ist. 

Das Wissen um das Vorhandensein einer okkulten Kraft, die als magisches Wirkprinzip funktioniert, war schon seit jeher bei den verschiedensten Urvölkern bekannt. 
Diese Kraft hatte schon viele Namen. Die nordamerikanischen Eingeborenen nannten sie „Manitou“, die polynesischen Inselbewohner „Manas“, die Afrikaner „Ngai“, die Aborigines „Kutchi“.

Die hinduistischen Religionen bezeichneten sie als „Prana“ und stellten sich vor, dass das gesamte Universum ein Ozean aus Prana sei, mit den Sonnen als ihren Zentren und Verteilern darin.
Eliphas Levi schliesslich, dessen Schriften in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts massgeblich daran beteiligt waren, eine Renaissance der magischen und hermetischen Wissenschaften einzuläuten, nannte diese Kraft „astrales Licht“, und bezeichnete damit eine Kraft, die sich über das ganze Universum ausbreitet und alles durchdringt und postulierte, dass das Wissen um den Umgang mit und die Meisterschaft über die astralen Strömungen dieser Kraft das Grosse Werk der Adepten ausmacht.

Mithilfe dieser Kraft, dem LVX der Rosenkreuzer, kann es dem Studenten der Magie gelingen, höheres Bewusstsein und ein tieferes Verständnis für die Gesetze des Universums zu entwickeln. Das LVX ist ausserdem der Treibstoff seiner persönlichen und magischen Entwicklung und Transformatíon.

Das Initiationsritual zum Neophyten dient dazu, den Samen des höheren Bewusstseins in die Psyche des Anwärters zu pflanzen.
Dies geschieht durch einen komplexen Ritualablauf, in welchem das Bewusstsein und das Unterbewusstsein des Kandidaten mit mächtigen, da uralten Symbolen imprägniert wird.
Diese werden wie Samenkörner in die Psyche des Kandidaten gepflanzt, und pflegt der Kandidat in den darauffolgenden Jahren den Garten seines Geistes mit täglicher Übung, wird der Same irgendwann aufgehen zu einem lebendigen Wesen, das schliesslich als Höheres Selbst oder Heiliger Schutzengel die alltägliche Persönlichkeit des heranwachsenden Adepten regieren wird.

Während dieser Initiation erfolgt eine Übertragung der magischen Kraft des Hierophanten auf den Kandidaten. Dies impliziert, dass ein fähiger Hierophant schon Kenntnis erlangt haben muss im Umgang mit dieser Kraft, denn nur so kann er diese Kraft erfolgreich auf die Sphäre des Kandidaten übertragen.

Das LVX, welches im Verlauf der Initiation übertragen wird, dient einem Anstoss und einer energetischen Initialzündung in der Sphäre oder Aura des Kandidaten. Mithilfe dieser Initialzündung werden die Grundsteine für seine weitere Entwicklung gelegt, ausserdem erleichtert sie ihm fortan den Zugang zu und die differenzierte Wahrnehmung dieser feinstofflichen Kraft während seiner täglichen Übungen.

Die Tradition sagt auch, dass genauso wie das menschliche Bewusstsein einen physischen Körper braucht, um zu existieren, das spirituelle Bewusstsein oder der Heilige Schutzengel einen voll ausgebildeten energetischen, oder astralen Körper braucht, um im Geist des Studenten zu inkarnieren.

Indem der Student kontinuierlich, mit täglicher magischer Übung, seinen energetischen Körper und damit auch seine feinstofflichen Wahrnehmungskanäle aufreinigt, und mithilfe gebündelter geistiger Fähigkeiten magische Kraft oder LVX anruft und in seinem energetischen Körper aufnimmt und assimiliert, baut er stückweise und beharrlich an dem Tempel, „der nicht mit Händen erbaut ist“, und erschafft einen astralen Körper, der sich in perfekter Analogie und Harmonie mit den Gesetzen und Kräften des Universums befindet.  Was dies impliziert, deuten wiederum die alten Kabbalisten an, indem sie darauf hinweisen, dass es nicht nur so ist, dass der menschliche Körper mit einem energetischen oder feinstofflichen Körper verbunden ist, sondern dass vielmehr dieser feinstoffliche Körper das Fundament und die Matrix nicht nur des physischen Körpers, sondern auch unserer gesamten Gefühls- und Erlebniswelt ist.

Die Beschaffenheit unseres astralen Körpers bestimmt die Art und Weise, wie wir unsere Umgebung und unsere Mitmenschen wahrnehmen und prägt somit nicht nur den Umgang mit unserem Umfeld.
Auf diesen energetischen Körper kontinuierlich und mithilfe magischer Kraft schöpferisch einzuwirken, bedeutet schrittweise somit auch die gesamte Wahrnehmung der Umwelt und schliesslich auch die eigenen Lebensbedingungen positiv zu transformieren. 

Die Schlüssel zu magischer Entwicklung liegen somit einerseits in der Inititation, andererseits in der unabdingbaren täglichen Disziplin.
Die wichtigsten Werkzeuge, mit deren Hilfe man magische Kraft anruft und benutzt, sind die Willenskraft, die Imaginationskraft und die Konzentration.
Jeder besitzt diese Fähigkeiten in unterschiedlicher Ausprägung, doch nur wenige erkennen ihr Potential oder geben sich die Mühe, sie zu schärfen, zu trainieren und am Leben zu erhalten. Diese Fähigkeiten sind das Instrument, welches uns der All-Eine geschenkt hat, um seine Präsenz zu realisieren, und um damit unser spirituelles Erbe, den schrittweisen Aufstieg zur Erkenntnis spiritueller Wahrheit anzutreten.

Deshalb sollte sich jeder ernsthafte Anwärter auf die Mysterien der hermetischen Tradition einer jahrelangen, ja vielleicht sogar lebenslangen Disziplin verschreiben, denn so wie die Kraft Gottes laut den Kabbalisten bis ins Unendliche expandiert, lässt sich die individuelle Wahrnehmungsfähigkeit und Realisation der subtilen und „okkulten“ Kräfte der Natur bis ins scheinbar Unendliche verfeinern.

 
 © H. Fr. L.e.N.e., Berlin, 2009